Zwei Menschen an derselben Kasse

Vor ihnen laufen die gleichen Produkte über das Band: Karamellisierte Macadamianüsse, Kalbsleber, Fetakäse. Beide holen ihre Karte hervor, beide tippen Zahlen ins Gerät. Beide packen ihre Tüte und gehen hinaus in den Abend. Im Ablauf ist alles identisch und doch tragen sie unterschiedliche Zeitvorstellungen mit sich.

Der eine sieht die nächsten Tage als eine Abfolge von Terminen, Projekten, Aufgaben, die bereits in einem Kalender stehen. Er kennt den Rhythmus seines Monats, weiß, was ihn erwartet, rechnet mit dem, was kommt. Der andere sieht keine feste Linie. Für ihn ist der nächste Tag offen, ungeplant, ein Raum, der erst gefüllt wird, wenn er darin steht. Beide kaufen ein, beide gehen denselben Weg durch die Gänge des Supermarktes, doch die Struktur, in der sie ihre Zukunft wahrnehmen, könnte kaum verschiedener sein.

Wer kreiert, weiß nicht, was daraus wird. Texte, Gemälde, Musik entstehen aus Erlebnissen, die man verarbeitet und dann sensorisch zugänglich macht für die Außenwelt. Solche Erlebnisse können zum Beispiel sein: ein Satzfetzen, den man auf der Straße hört und der nur beiläufig gesprochen war. Die Geschwindigkeit mit der es regnet. Ein Kind das eine offensichtliche, aber unerhörte Frage stellt. Ein nächtlicher Traum. Das rhythmische Knacken einer alten Heizung in der Nacht. All das sind Anfänge und der Künstler entscheidet, was mit diesem Anfang passiert. Aus diesem Grund kennt er die Zukunft nicht. Er kennt den Anfang, wählt aus allen Möglichkeiten eine aus und kreiert wieder einen Anfang. Beim Kunst machen ist das Leben live.

Wo ist der Unterschied zwischen Kreieren und Erstellen?

Im Bereich der Arbeit ist die Struktur anders. Präsentationen, Berichte, Verträge werden erstellt anhand der Kriterien, die aus dem zuvor definierten Ziel hervorgehen. Erstellte Dokumente sollen zum Beispiel informieren, überzeugen, beschönigen oder nachweisen. Dadurch, dass es Ziele gibt, sind die Schritte die dahin führen keine eigene Entscheidung, sondern bereits im Vorfeld festgelegt worden. Das Jetzt wird genutzt, um auf schnellstem Weg zur Zukunft zu kommen, dessen Best-Case Szenario man bereits kennt. Deswegen entsteht sofort ein Bewertungsmaßstab für das Erstellte. Es kann sein Ziel erfüllen, entweder sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend oder mangelhaft.

Eltern sagen: „Du kannst nicht immer am Handy hängen, du musst auch mal etwas in der realen Welt machen.“ Aber was ist diese reale Welt, die Kinder erleben? Für viele bedeutet sie vor allem Schule. Und Schule heißt: Erstellen. Jede Aufgabe hat ein vorher festgelegtes Ergebnis, und jedes Ergebnis kann entweder sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend oder mangelhaft das zuvor festgelegte Ziel erfüllen.

Durch den Feed scrollen oder Reels schauen ist weder Kreieren noch Erstellen. Es ist Konsumieren. Es verfolgt kein Ziel, es trägt kein Bewertungssystem in sich. Ein Video zu sehen ist nicht „gut“ oder „mangelhaft“. Es ist einfach geschehen. Genau darin liegt sein Reiz. Für Kinder, deren Alltag fast ausschließlich aus Erstellen und Bewertungen besteht, wird das Digitale zur Befreiung von einem Jetzt, das sonst nur auf den schnellsten Weg in der Zukunft ankommen soll. Und vielleicht erklärt sich so, warum die „reale Welt“ für viele Erwachsene selbstverständlich wirkt, für viele Kinder aber kaum etwas enthält, das sie als lebendig empfinden.

Beim Konsumieren kommt ständig Neues. Der Feed ist endlos, jedes Reel ist ein anderer Tonfall, ein anderes Bild, eine andere Überraschung. Diese ständige Abwechslung erzeugt das Gefühl, im Fluss zu sein, obwohl man selbst nichts gestaltet. Doch Konsumieren ist kein Ersatz für Kreieren. Es ist ein Zwischenraum. Es nimmt nur den Druck der Bewertung. Denn Konsum bleibt passiv: das Nächste kommt von außen, nicht aus einem selbst. Man scrollt, man schaut, man hört und wartet darauf, dass der nächste Impuls geliefert wird. Im Erstellen dagegen weiß man im Voraus, wie die Zukunft aussehen sollte. Man weiß zwar nie ganz genau, wie sie sein wird, weil Realität immer ko-kreiert ist, durch andere Menschen, Zufälle, Natur. Aber das Ziel steht fest. Alles, was davon abweicht, gilt sofort als Versagen. Und selbst wenn das Soll exakt erreicht wird, bleibt nichts Offenes: es ist nur das, was ohnehin vorherbestimmt war, oder eine negative Abweichung davon. Da stellt sich die Frage: Wozu überhaupt?

Wozu ein Leben leben, das nur zwischen erfüllten Vorgaben und verfehlten Vorgaben pendelt?

Die Sinnlosigkeit des Erstellens wird durch Konsum erträglicher, aber sie verwandelt sich nicht in Freiheit. Freiheit entsteht nicht durch das bloße Wegfallen von Bewertung, sondern durch die Erfahrung, dass der nächste Schritt offen ist und durch eine Wahl von uns festgelegt wird. Diese Wahl verschwindet, sobald ein Ziel feststeht: dann geht es nicht mehr darum, eine Möglichkeit zu wählen, sondern nur noch darum, das Soll zu erfüllen. Hier liegt der eigentliche Unterschied: ob Zeit als vorgegebene Abfolge erlebt wird oder als Raum, in dem man selbst beginnt.

Wenn Zeit so verschieden erlebt wird, verändert sich auch das Leben selbst. Raum und Zeit sind die Fundamente, in denen sich jede Erfahrung vollzieht. Wer Zukunft als festgeschriebenes Soll erlebt, bewegt sich in einer anderen Wirklichkeit als jemand, der sie als offenen Raum erfährt. Beide teilen denselben Ort, aber nicht dieselbe Welt.

Vielleicht erklärt das die Distanz, die manchmal spürbar bleibt, auch wenn Menschen nebeneinander sitzen, dieselben Gerichte essen, dasselbe Wasser trinken. Sie sprechen, sie lachen, sie bezahlen an derselben Kasse. Dennoch nehmen sie die Fundamente unserer Realität unterschiedlich wahr. Die eine Gegenwart ist Durchgangsstation, die andere Bühne. Und manchmal verlaufen diese Unterschiede nicht zwischen Fremden, sondern mitten in den engsten Beziehungen. Zwischen Eltern und Kindern, die am selben Tisch sitzen, die denselben Alltag teilen, und doch eine andere Erfahrung von Zeit, von Freiheit, von Leben selbst haben.

© Ema, 2025. Alle Rechte vorbehalten.

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