Ich sage: „Ich nehme den Bus“. Doch ich weiß nicht, ob der Bus kommt. So wie kein zukünftiges Ereignis zweifellos bekannt sein kann, bevor es eingetreten ist. In Wahrheit weiß ich nicht, ob der Bus kommt. Ich glaube es. Gestützt auf Erfahrungen aus der Vergangenheit: dass er in der Vergangenheit kam, dass öffentliche Systeme in dieser Stadt verlässlich scheinen, dass ich schon einmal mit einem Bus gefahren bin.
Ich gehe zur Bushaltestelle, bevor ich mit Sicherheit weiß, dass der Bus kommen wird. Denn, ob es etwas wirklich geschehen wird, das weiß ich sowieso immer nur im Nachhinein. Ich plane mein Handeln, als wäre etwas gewiss, obwohl es nur die eigene wahrscheinlichste Interpretation aus den mir vorhandenen Daten ist. Wissen über das Eintreten von Zukunftsereignissen gibt es nicht, selbst wenn wir Fakten haben. Selbst wenn wir wissen, dass Wasser bei 100 °C kocht, können wir nicht sicher sein, dass es kochen wird, wenn wir den Herd hochdrehen. Der Herd könnte genau in diesem Moment einen Defekt haben, die Sicherung könnte herausspringen, der Topf könnte ein Loch haben, oder es könnte sich schlicht nicht um reines Wasser handeln, sondern um eine Flüssigkeit mit anderer Zusammensetzung. Jede konkrete Situation birgt unzählige kleine Möglichkeiten, die verhindern können, dass ein allgemeines Gesetz sich in genau diesem Augenblick so zeigt, wie wir es erwarten.
Glaube ist dieser Mechanismus:
Die Übertragung vergangener Daten in die Zukunft und die Entscheidung, sich so zu verhalten, als sei das Wahrscheinlichste das Gewisse.
Wir alle glauben ständig. Ich glaube, die Schokolade wird mir schmecken, weil mir ähnliche Schokolade geschmeckt hat. Also esse ich sie. Ich glaube, es regnet gleich, weil der Himmel aussieht, wie er immer aussieht, bevor es regnet. Also nehme ich einen Regenschirm mit. Ich glaube und handle danach.
Doch was passiert, wenn wir Mechanismus des Glaubens auf etwas anwenden, wo es keine Daten gibt? Wenn ich sage: „Ich glaube an Himmel und Hölle“, woher kommt dann dieser Glaube? Es gibt keine eigene Erfahrung, die ich gemacht habe. Es gibt niemanden, der zurückkam, um glaubwürdig zu berichten. Nahtoderfahrungen sind Erfahrungen des Lebens, nicht des Todes. Und Bücher von vor zweitausend Jahren sind keine Daten, sondern Texte, deren Wahrheitswert ich nicht prüfen kann.
Das macht den Unterschied deutlich:
- Im Alltagsglauben habe ich eine begrenzte Menge an Erfahrungen, aus denen ich das Wahrscheinlichste extrapoliere.
- Im Jenseitsglauben gibt es keine Erfahrungen und somit keine Daten. Alles ist möglich. Alles, was ich mir vorstellen kann, und sogar das, was ich mir nicht vorstellen kann. Aus dieser unendlichen Offenheit wähle ich eine Möglichkeit aus und nenne diese Wahl dann „Glaube“.
Selbst der Duden fasst diesen Unterschied nicht. Dort heißt es, Glaube sei eine „gefühlsmäßige, nicht von Beweisen, Fakten o. Ä. bestimmte unbedingte Gewissheit, Überzeugung“. Doch damit verschwimmt der Begriff völlig: Eine solche Definition unterscheidet Glaube nicht mehr von Hoffnung oder Wunsch. Sie zieht keine Grenze, sondern verwischt sie und erfüllt damit nicht einmal den Anspruch, den eine Definition haben sollte. Alltagsglaube und Jenseitsglaube unterliegen nicht derselben Mechanismus. Das eine ist eine rationale Wette auf Wahrscheinlichkeit, das andere ist eine Annahme ohne jegliche Erfahrung. Beides mit dem gleichen Wort zu benennen, verschleiert, dass hier zwei ganz verschiedene Akte stattfinden.
Aber was ist mit denen, die sagen: „Ich habe Gott selbst erfahren, ich habe mit ihm gesprochen, ich habe seine Nähe gespürt“? Hier scheint plötzlich doch eine Art „Datenbasis“ aufzutauchen. Doch in Wahrheit ist das keine Erfahrung wie der Bus, sondern eine Interpretation, die nur für die Person selbst gilt. Kein anderer kann bestätigen, ob es wirklich „Gott“ war. Es ist nicht überprüfbar, nicht übertragbar, nicht bestätigbar und nicht widerlegbar. Das unterscheidet es radikal von einem alltäglichen Erlebnis.
Denn beim Bus ist es anders: Andere Menschen können ihn ebenfalls sehen und zwar gleichzeitig. Und das sogar, wenn sie zuvor nicht daran geglaubt haben, dass er kommt. Sie können einsteigen, sie können ihn erfahren. Sie können sogar indirekt prüfen, dass ich den Bus genommen habe, weil ich schneller von A nach B gelange, weil ich an der Haltestelle gesehen wurde, weil Spuren meiner Fahrt beobachtbar sind. Vor allem aber: Wenn der Bus nicht kommt, ist mein Glaube widerlegt. Er hängt nicht an meiner Deutung, sondern an einem äußeren Ereignis, das unabhängig von mir geschieht. Der Busglaube ist in einem Netz geteilter und falsifizierbarer Erfahrung eingebettet. Der Gottesglaube dagegen bleibt auf die subjektive Deutung beschränkt: Er zeigt sich nur, wenn er bereits geglaubt wird, er kann nie unabhängig bestätigt werden und nie widerlegt.
Wenn wir also „an Gott glauben“ oder „glauben, dass der Bus kommt“ benutzen wir das gleiche Wort für zwei vollständig verschiedene Dinge:
- eine Handlungsweise aus Erfahrung extrapolieren (Bus, Schokolade, Regen),
- etwas annehmen ohne jede Erfahrung, aus einer Vielzahl denkbarer und gleichzeitig undenkbarer Möglichkeiten eine auswählen und festhalten.
Das zweite ist kein Glaube, sondern ein Wortmissbrauch.
Denn Glauben heißt: aus Erfahrung handeln, als wäre das Wahrscheinlichste das Sichere. Was ohne Erfahrung geschieht, ist etwas anderes. Es ist eventuell ein Wunsch, eine Hoffnung oder Sehnsucht. Nicht alles, was wir nicht wissen, sollten wir „Glauben“ nennen. Vielleicht sollten wir diesen Unterschied sprachlich festzuhalten, denn es sind zwei völlig unterschiedliche Mechanismen.
Auch der Alltagsglaube ist niemals eine Garantie. Dass ich den Bus erwarte, heißt nicht, dass er kommt. Dass ich den Himmel dunkel sehe, heißt nicht, dass es regnet. Dass mir ähnliche Schokolade geschmeckt hat, heißt nicht, dass diese Schokolade mir schmecken wird. Unsere Datenlage kann verzerrt, lückenhaft oder schlicht falsch sein. Doch selbst wenn ich mich irre, bleibt der Mechanismus derselbe: aus Erfahrung eine Wahrscheinlichkeit ableiten, sie für das Wahrscheinlichste halten und mein Handeln daran orientieren.
Gerade darin liegt der Unterschied zum Wünschen, Hoffen und Sehnen: Dort gibt es keine Daten, die man falsch oder richtig interpretieren könnte. Es gibt nicht einmal eine verzerrte Grundlage. Wo nichts zu extrapolieren ist, kann auch kein Glaube im eigentlichen Sinn entstehen.
„Ich glaube an Himmel und Hölle“ klingt so, als stünde hier etwas auf derselben Stufe wie „Ich glaube, der Bus kommt“. Damit erhält eine Annahme ohne jede Erfahrung dieselbe Legitimation wie eine Annahme, die auf Erfahrung gründet. So verschleiert Sprache den Unterschied zwischen Projektion aus Daten und bloßem Wunsch. Das macht den religiösen Gebrauch des Wortes nicht nur unscharf, sondern auch unverdient glaubwürdig. Denn ein Glaube im eigentlichen Sinn ist kein schwaches Gefühl, sondern das, was unserer Form von Wissen am nächsten kommt.
Wissen über das Eintreten von Zukunftsereignissen gibt es nicht, aber Glauben ist der Mechanismus, mit dem wir trotz Ungewissheit handeln können. Er ist die stärkste Form von Orientierung, die wir besitzen.
Und genau deshalb sollten wir ihn nicht mit Hoffnungen verwechseln, die keinerlei Erfahrungsbasis haben. Ein Wunsch kann trösten und eine Hoffnung kann tragen, doch beide folgen einer eigenen Logik.
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