Warum akzeptieren wir ohne Zögern, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht? Warum malen wir auf viereckigen Leinwänden, warum schreiben wir auf rechteckigem Papier? Warum bestehen fast alle Böden aus Mustern von Vierecken? Die Antwort scheint banal: Vierecke sparen Material, minimieren Verschnitt, erleichtern Transport.
Doch diese „Effizienz“ ist nicht unschuldig. Sie schreibt unseren Blick fest.
Sie bestimmt, dass alles in Formen gepresst wird, die aus der Logik der Produktion, nicht aus der Logik des Lebens entstanden sind. Ein Künstler, der auf einer rechteckigen Leinwand malt, malt nicht nur auf einer Leinwand. Er malt auf dem kapitalistischen Viereck, auf dem Kunst erlaubt wird.
Was macht die Leinwand kapitalistisch?
Zunächst nichts. Sie ist weis, ein neutraler Anfang, auf dem jede Farbe sichtbar wird. Sie ist aus Leinen, damit Pigmente gut haften und trocknen. Sie ist also nützlich, aber Nützlichkeit allein ist noch kein Kapitalismus. Sie wird erst kapitalistisch, wenn sie der Logik der Skalierbarkeit unterworfen wird: wenn aus dem einmal hilfreichen Trägermaterial ein standardisiertes Produkt wird, reproduzierbar, tauschbar, effizient stapelbar, global verfügbar.
Objekte, wie wir sie alltäglich nutzen, haben auf der Oberfläche eine Funktion: der Stuhl trägt, das Waschbecken leitet Wasser ab, der Schrank verstaut. Diese Ebene ist so dominant geworden, dass wir vergessen haben, dass jedes Objekt auch eine zweite Dimension tragen könnte: eine, die nicht Mittel zu einem Zweck ist, sondern reines Dasein, Charakter, Überfluss. Wenn wir ein Möbelstück ansehen und sofort einzig und allein seinen Zweck erkennen, reduziert sich unser Verhältnis zu ihm auf Nutzung. Und wenn wir nur noch in Nutzung denken, dann nehmen wir nicht mehr das Möbelstück selbst wahr, sondern was es uns bringt. Wo es unser Leben leichter, reicher, besser macht.
Warum entwerfen wir Garderobenständer, die wie Haken aussehen und nicht wie Rosen, deren Dornen die Kleider tragen? Warum akzeptieren wir Autos, die aussehen wie maschinenhafte Blöcke, und nicht wie Tiere, Vögel, Wesenheiten? Warum sehen wir in Kleidung fast ausschließlich den „Nutzen“: den Körper bedecken, ihn warmhalten? Wenn der Sinn einer Hose darin erschöpft ist, „den Arsch zu bedecken“, dann erklärt sich, warum so viele Kleidungsstücke charakterlos, 0815, effizienzoptimiert sind.
Doch auch das Gegenteil kann leer sein: Überfluss, der nur zum Selbstzweck wird, der sich von jeder Notwendigkeit loslöst, kann hohl wirken. Es kann wie ein Ornament wirken, das nie berührt, weil es keinen Grund kennt, gesehen zu werden.
Die Kunst liegt nicht im einen oder im anderen, sondern darin, diese Spannung zu fühlen: zwischen Notwendigkeit und Verschwendung, zwischen Ernst und Spiel.
Dem Zweck gegenüber steht die Absurdität: das Dasein ohne begründbaren Zweck, das sich jeder funktionalen Logik entzieht. Absurdität meint nicht „Unsinn“ im abwertenden Sinn, sondern die Erfahrung, dass etwas einfach ist, ohne dass es dafür eine Begründung gibt.
Ein Sonderfall ist die Werbung.
In ihr wird Absurdität paradoxerweise funktional: Plötzlich tanzt eine animierte Katze über den Bildschirm, um Waschmittel zu verkaufen. Ein Parfum wird mit dem Bild einer explodierenden Galaxie beworben, ein Auto mit einem sprechenden Frosch. Diese Bilder sind übersteigert, absurd und erfüllen gerade deshalb ihren Zweck: Aufmerksamkeit zu erzeugen, Begehren zu wecken, Marken zu verankern. Werbung ist die Kommerzialisierung von Absurdität, bei der selbst das Zwecklose in den Dienst einer ökonomischen Funktion gestellt wird, um Produkte zu vermarkten. Sie zeigt, dass auch das scheinbar Unnötige in einer Logik der Nützlichkeit gefangen werden kann.
Doch es gibt auch das Gegenteil:
Nicht nur kann Absurdes funktional werden, manchmal wird auch Funktionalität selbst absurd. Wenn ein Objekt so sehr auf Effizienz getrimmt ist, dass es alles Spielerische, Sinnliche, Unvorhersehbare verdrängt, dann bleibt nur eine leere Hülle aus Zweck. Ein Gegenstand kann so perfekt konstruiert sein, dass er keine Bedeutung mehr hat. Ein Büroklammerhalter, der Temperatur, Uhrzeit, Kalender und Bluetooth-Funktion bietet, erfüllt zahllose Zwecke und die sind völlig überflüssig. Funktion wird dann zur eigenen Karikatur: zweckmäßig bis zur Sinnlosigkeit.
Diese beiden Randbeispiele zeigen, dass Intention ausschlaggebend bestimmt, ob ein Ding absurd ist oder funktional, oder eben beides. Man kann nichts absurdes erzeugen, sobald man etwas bestimmtes damit erreichen will.
Blumen zeigen uns, dass Funktion und Absurdität zugleich möglich ist. Ihre Farben „erfüllen“ zwar auch eine Funktion. Sie ziehen Bienen an. Und die Bestäubung der Blumen trägt einen wichtigen Teil zum Erhalt des Ökosystems, in dem auch wir leben. Aber für uns Menschen persönlich sind ihre intensiven Farben, ihre sinnliche Übertreibung, ihr duftender Überfluss eigentlich „unnötig“. Gerade diese Überfülle, dieses Zuviel, ist es, was uns berührt. Vielleicht zeigt sich hier, dass „Funktion“ und „Absurdität“ nie im Objekt selbst liegen, sondern in unserem Blick. Für die Biene ist die Blüte Werkzeug. Für uns ist sie Poesie. Das bedeutet, dass dasselbe Ding funktional oder absurd erscheinen kann, je nachdem, wer es betrachtet.
Die Welt selbst ist absurd, denn warum gibt es überhaupt ein Ökosystem, warum gibt es überhaupt Existenz? Das lässt sich nicht begründen. Gefühle, die aus reiner Funktion entstehen, halten nie lange an. Sobald etwas vollkommen funktioniert, hören wir auf, es zu bemerken. Wie eine Tür, die wir unzählige Male öffnen, ohne sie je wirklich zu sehen. Funktion verschwindet im Gewohnten, sie macht sich unsichtbar. Das Überflüssige dagegen verweigert sich dieser Gewöhnung. Es erklärt sich nicht, es rechtfertigt sich nicht und genau deshalb bleibt es spürbar. Und vielleicht ist es genau deshalb jedes Mal wunderschön, eine Blume anzuschauen, weil sie keinen Grund braucht, da zu sein und trotzdem da ist.
Freiheit zur Absurdität ist nicht gleich verteilt, denn sie bedarf irgendeiner Form von Überfluss. Wer Hunger hat, denkt nicht darüber nach, wie man eine Garderobe in Rosenform entwerfen könnte. Wer nicht weiß, ob er morgen die Miete zahlen kann, hat keinen Kopf dafür, ob ein Auto wie ein Tier aussehen sollte. Absurdität setzt voraus, dass die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Doch gerade deshalb ist sie auch ein Prüfstein: Sie zeigt, wie ungleich unsere Welt eingerichtet ist. Und doch ist es seltsam: noch nie gab es global so viel Kapital wie heute, und trotzdem wird das Überflüssige nicht freier, sondern seltener. In früheren Zeiten haben Gesellschaften ihren Reichtum in Kathedralen, Opernhäuser oder monumentale Bauten verwandelt. Das war Überfluss, der auch andere berührte. Heute wird Überfluss privatisiert: er versteckt sich in Luxuswohnungen, Yachten, Marken. Der Kapitalismus lässt Überfluss nicht verschwinden, er kapselt ihn ein. Vielleicht zeigt sich daran die eigentliche Absurdität unserer Gegenwart: dass wir im Zeitalter des größten Vermögens leben und doch so wenig gemeinsam Überflüssiges hervorbringen.
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