Warum ist Wasser durchsichtig?
48 Stunden Depressionen reichen aus, um im Bett zu liegen und bei YouTube einzugeben: Was ist der Sinn des Lebens.
YouTube ist darauf sehr gut vorbereitet. Es gibt spirituelle Gurus, die erklären, dass der Sinn des Lebens Liebe und Bewusstsein sei. Es gibt Motivationscoaches, die von Selbstverwirklichung sprechen. Es gibt Philosophiekanäle über Camus, die nüchtern erklären, warum es keinen übergeordneten Sinn gibt. Es gibt Videos über Nihilismus, über Existenzialismus. Manche sagen: Das Leben hat keinen Sinn und genau darin liegt seine Freiheit. Andere sagen: Doch, es gibt ihn, man muss ihn nur finden. Zehn Minuten, eine Stunde, ein Vortrag, ein animiertes Erklärvideo oder ein einzelnes Zitat mit ruhiger Musik.
Am Anfang wirkt es noch so, als würde ich einfach nach einer Antwort suchen. Ich schaue Videos, lese Sachen, höre mir das alles an und denke jedes Mal kurz: Vielleicht ist es das. Aber nichts davon führt am Ende dazu, dass ich aufhöre, wieder diese eine Frage zu stellen. Denn sobald ich sie einmal gestellt habe, kann ich nicht mehr aufhören sie zu stellen. Denn ich finde einfach keine Antwort, die einen Unterschied macht.
Egal wie viele Videos ich mir anschaue, die Frage geht nicht weg. Aber warum kann ich nicht aufhören eine Frage zu stellen, auf die ich keine Antwort finde?
“Was ist der Sinn des Lebens?” ist eigentlich nur eine Umformulierung von “Warum leben wir?”.
Warum ist Wasser durchsichtig? Wasser ist durchsichtig, weil die Moleküle des Wassers sichtbares Licht nicht streuen oder absorbieren.
Warum machen die Moleküle das nicht? Weil die Energie des sichtbaren Lichts nicht zu den möglichen Energieübergängen im Molekül passt und die Moleküle zu klein für starke Streuung sind.
Warum passt die Energie nicht dazu? Weil Energie in der Quantenmechanik nur in festen Stufen aufgenommen wird und sichtbares Licht liegt genau zwischen den erlaubten Energieniveaus von Wasser.
Warum gibt es in der Quantenmechanik nur feste Stufen? Weil Teilchen sich wie Wellen verhalten und nur bestimmte „stehende Wellen“ erlaubt sind.
Warum sind Teilchen wie Wellen? Weil Experimente es so gezeigt haben.
Die Antwort auf die Frage Warum wird sofort zum Grund nochmals zu fragen Warum. Die Frage Warum wird eigentlich nicht wirklich beantwortet, stattdessen werden immer tiefere Level des Wie nachgeschoben, um am Ende wieder zu sagen: Weil wir es so gesehen bzw. gemessen haben.
Ein „Wie“ verbindet zwei Zustände miteinander. Wie bin ich nach Hause gekommen? Mit dem Bus. Warum bin ich nach Hause gekommen? Weil ich müde war, weil ein Mensch schlafen muss, weil der Körper nach Ruhe verlangt, weil er Energie verbraucht, weil Leben auf Erhaltung seines selbst ausgelegt ist, weil die Naturgesetze es so formen und warum diese Gesetze so sind, bleibt offen.
Das Wie endet mit den Beobachtungsfähigkeiten, die unsere Sinne oder unsere entwickelten Messsysteme hergeben und so bleibt immer ein allerletztes Warum, das nicht beantwortet werden kann. Also auch die Physik kann das letzte Warum nicht beantworten.
Es gibt also nie eine richtige wahrhafte Antwort auf die endgültige Frage Warum eines Themas, egal nach welchem Thema man fragt.
Durch unseren alltäglichen Umgang mit dem Warum, welches immer nur mit Wies beantwortet wird, kommt es oft so rüber, als wäre die einzige unbeantwortete Frage die große Frage nach: Warum leben wir? Aber alle Fragen nach dem letzten Warum eines Themas sind eigentlich unbeantwortet.
Warum kann ich nicht aufhören zu fragen Warum leben wir?
Ich bin depressiv und ich will es nicht sein. Ich will eine Antwort auf den Sinn meines Lebens und damit meine Depressionen beenden. Aber das klappt nicht und ich akzeptiere das nicht und genau deswegen frage ich immer weiter. Ich frage immer wieder Warum leben wir, weil ich nicht akzeptieren kann, dass ich darauf keine Antwort finde.
Warum kann ich nicht akzeptieren, dass es nicht die eine Antwort gibt?
Die Frage Warum erhöht mit jeder gefragten Ebene das Verständnis des Themas. Verständnis setzt Analyse voraus und Analyse setzt wiederum Betrachtung voraus. Betrachtung ist jedoch nur dann möglich, wenn ein Abstand (Distanz, Entkopplung) zwischen mir und dem Thema vorhanden ist. Das Thema selber wird dann zum Objekt, das nicht erlebt (gefühlt), sondern analysiert wird. Diese durch das Warum erzeugte emotionale Entkopplung vom Erleben nenne ich im Folgenden Dissoziation. Das wiederholte Fragen nach dem Warum erhält diese Dissoziation aufrecht, sodass das Wie des Lebens nicht wahrgenommen werden muss. Solange analysiert wird, muss nicht erlebt werden. Das Wie des Lebens, mit seinen Unsicherheiten, seiner Widersprüchlichkeit und seiner Verletzlichkeit, bleibt auf Abstand. Die wiederholte Frage nach dem Warum in diesem Zusammenhang ist kein Ausdruck von Tiefgründigkeit, sondern die Unfähigkeit, das Wie des Lebens auszuhalten und somit ein Weg vom eigenen Leben zu dissoziieren (=herauslösen) und das immer wieder.
Wie ist das Leben?
Wahrscheinlich scheiße, wenn man zwanghaft davon durch ein Warum dissoziieren möchte. Wahrscheinlich ist es so scheiße, dass man nicht aushalten kann wie scheiße es ist.
Warum ist das Leben scheiße?
Im Alltag lebt niemand von Sinn, sondern von Zweck.
Im Alltag leben die meisten von uns von kleinen, lokalen Zwecken. Ich mache die Heizung an, damit es warm wird. Ich esse, damit ich satt werde. Ich erledige etwas, damit es erledigt ist. Diese Zwecke sind unspektakulär, aber sie reichen aus. Sie verbinden Handlungen miteinander. Manche Menschen leben auch im Moment. Sie essen nicht nur, um satt zu werden, sondern sie essen, um zu essen. Sie machen nicht nur Musik, um danach ein Track zu haben, sondern sie machen Musik, um Musik zu machen.
Natürlich gibt es Menschen, die sagen würden, sie leben für den Sinn.
Für Gott, für andere, für eine Aufgabe. Doch was sie beschreiben, ist kein übergeordneter Sinn, sondern eine stabile Zweckbindung. Ein Rahmen, in dem Handlungen zählen und Einsatz verlässlich etwas bewirkt. Jemand, der sich an die Zehn Gebote hält, macht das nicht, weil das „der Sinn des Lebens“ ist. Er macht das, weil er davon ausgeht, dass es nicht egal ist, ob er lügt oder die Wahrheit sagt. Dass es nicht egal ist, ob er stiehlt oder nicht. Dass sein Verhalten Konsequenzen hat, weil er vielleicht glaubt, dass er dafür belohnt oder bestraft wird. Vielleicht, weil er sonst seinen Platz in der Gemeinschaft verliert. Oder vielleicht, weil er mit sich selbst nicht mehr klarkommt, wenn er dagegen verstößt. Aber in jedem Fall: Weil es einen Unterschied macht. Jemand, der sagt, er lebt für andere, sitzt nicht einfach da und denkt „Sinn“. Er steht auf, fährt irgendwo hin und hilft konkret. Und was ihn dabei antreibt, ist nicht ein allgemeiner Sinn, sondern dass er spürt, dass es einen Unterschied macht, ob er da ist oder nicht. Ob jemand Hilfe bekommt oder nicht. Ob etwas besser wird oder nicht. Es geht darum, dass Handlungen einen Unterschied machen. Also um Zwecke.
Im depressiven Zustand entsteht oft der Eindruck, andere würden einen Sinn sehen, der einem selbst fehlt. Das stimmt aber nicht. Was sie erleben, ist etwas anderes: dass ihr Handeln einen Unterschied macht.
Depression verändert genau das. Die Zwecke funktionieren weiterhin und das ist uns rational klar. Die Heizung macht warm. Das Essen macht satt. Aber es macht keinen Unterschied mehr für uns. Ob warm oder kalt, erledigt oder unerledigt, der Unterschied zählt nicht mehr für uns.
Nicht depressive Menschen stellen nicht zwanghaft die Frage nach dem Sinn des Lebens, weil das Leben für sie auch ohne endgültige Antwort auf diese Frage noch Unterschiede macht. Das bedeutet, dass wir nicht deswegen depressiv sind, weil wir keine Antwort auf den Sinn des Lebens finden, sondern weil wir durch die obsessive Sinnfrage versuchen, den Zustand zu überwinden, in dem nichts mehr einen Unterschied macht. Wir hoffen, dass eine endgültige Antwort dort wieder Unterschiede erzeugt, wo wir keine mehr spüren. Doch genau diese endlose Analyse hält uns auf Abstand zu dem Erleben, in dem überhaupt erst wieder etwas einen Unterschied machen könnte.
Durch das wiederholte bewusste und auch das unbewusste Fragen nach dem Warum des Lebens befinden wir uns in einem konstanten dissoziierten Zustand, in dem sowieso nichts mehr einen Unterschied für uns machen kann. Wie soll uns etwas in unserem Leben erreichen (= einen Unterschied machen), wenn wir das Leben als Objekt mit Abstand betrachten, das analysiert werden soll?
Gleichzeitig wollen wir die dissoziative Ebene, die eine Herausgelösung von unserem Erleben aufrecht erhält, auch nicht verlassen, weil das Leben scheiße ist und das können wir nicht ertragen.
Was genau können wir nicht ertragen?
Das, was depressiv macht, ist, dass nichts einen Unterschied macht. Das, was Depressionen unerträglich macht, ist der Widerstand dagegen, dass nichts mehr einen Unterschied macht.
Der Widerstand dagegen, dass nichts mehr zählt. Dass warm und kalt, Nähe und Distanz, Erfolg und Scheitern, heute und morgen keinen spürbaren Unterschied mehr machen. Wir hoffen, dass eine endgültige Antwort auf das Warum des Lebens das Gefühl auflöst, dass nichts mehr einen Unterschied macht. Dass, wenn wir nur die eine richtige Erklärung finden, die Bedeutungen und Unterschiede im Leben zurückkehren. Doch genau das kann nicht funktionieren. Denn die wiederholte zwanghafte Sinnfrage macht das Erleben von Unterschieden unmöglich, weil sie den Abstand zum Erleben vergrößert.
Solange wir nach einer Antwort suchen, die uns nicht mehr fühlen lassen muss, was wir fühlen, bleiben wir in Abstand, aber nicht in Verarbeitung. Wir umgehen die Unerträglichkeit, statt sie zu durchleben. Und genau dadurch bleibt sie bestehen.
Wenn es keinen Gedanken, keine Handlung, keine Erklärung gibt, die den Widerstand gegen diese Erfahrung sofort auflösen kann, was bleibt dann? Nur das, wovor die ganze Zeit geflohen wurde: das unmittelbare Erleben selbst.
“Nichts macht einen Unterschied” klingt wie eine Aussage über das Leben selbst, als wäre Bedeutungslosigkeit eine Eigenschaft der Realität. Aber wenn das wahr wäre, müssten alle Menschen dieselbe Welt auf diese Weise erleben. Tun sie aber nicht. Dass andere Menschen in derselben Welt Freude, Nähe, Motivation oder Bedeutung erleben können, zeigt, dass “nichts macht einen Unterschied” keine objektive Eigenschaft des Lebens sein kann, sondern ein subjektiver Erlebniszustand ist. Und subjektive Erlebniszustände sind nicht für immer festgeschrieben. Sie drücken aus, wie sich die Welt für uns anfühlt und nicht, was die Welt ist. Es geht also um ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Und Gefühle können verarbeitet werden.
Bedeutungslosigkeit würde ich persönlich am ehesten als eine Kombination aus Hoffnungslosigkeit, Apathie, Einsamkeit und Verzweiflung beschreiben. Natürlich will kein Mensch so etwas fühlen. Schmerz vermeiden zu wollen, gehört ziemlich grundlegend zum Menschsein dazu. Man schreit als Baby nicht ohne Grund.
Das heißt nicht, dass mit einem etwas falsch ist. Aber genau darin liegt auch das Problem. Wenn Bedeutungslosigkeit keine Wahrheit über das Leben, sondern ein subjektiver Erlebniszustand ist, dann führt der Weg zurück ins Leben nicht an den Gefühlen vorbei, sondern direkt durch sie hindurch.
Und damit meine ich nicht, dass man lernen muss, das Unerträgliche einfach zu ertragen. Genau das wäre selbst wieder eine unerträgliche Vorstellung. Es geht nicht darum, besser im Tragen zu werden. Was ich meine, ist, dass mit jedem wirklichen Zulassen weniger getragen werden muss.
Menschen finden dafür unterschiedliche Wege, sich diesem Erleben nicht aussetzen zu müssen. Manche bewegen sich vom Schmerz weg in etwas anderes hinein, was positivere Gefühle auslöst wie zum Beispiel Drogen. Der Mechanismus, um den es in diesem Text ging, funktioniert anders. Nicht die Flucht in etwas anderes, sondern die Flucht in Distanz selbst. Nicht um etwas anderes zu fühlen, sondern um weniger und vielleicht sogar gar nichts zu fühlen. Dieser Text handelt von genau diesem Mechanismus, weil ich mich mit diesem persönlich am besten auskenne.

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